Konfirmation
- Mai 2026 – Sonntag Trinitatis
Klosterkirche zu Cottbus
– es gilt das gesprochene Wort –
Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Ein Ruderboot liegt am Ufer eines großen Sees. Ich sehe von hinten aus über den Bug, über die Spitze des Bootes auf die weite Fläche des Wassers. Das Boot ist leer. Es lädt mich zum Einsteigen ein. Die Ruder liegen in den Dollen. Einsteigen – Das Gleichgewicht halten – Nach vorn gehen – Hinsetzen – Die Ruder eintauchen – und los geht´s. Kraft brauche ich – Ausdauer. Die Ruder müssen kurz unter der Wasseroberfläche kräftig durchs Wasser gezogen werden, damit das Boot vorwärtskommt. Aber ich kann das Boot auch mal gleiten lassen. Ab und zu muss ich mich umdrehen, um das Ziel wieder anzuvisieren. Denn beim Rudern bewege ich mich nach vorn und sehe doch zurück. Wo komme ich her? Wo geht die Reise hin? Werden meine Kräfte, mein Geschick, meine Ausdauer reichen? Was erwartet mich am anderen Ufer? Wer wird auf meiner Seite sein? Der Wind, das Wetter, das Boot? Werde ich Schwierigkeiten zu überwinden haben, in Gefahr geraten? Wer wird mir beistehen?
Ich sehe in ein leeres Boot. Ich sehe viel.
Liebe Konfirmierte!
Nach fast drei Jahren Konfirmandenunterricht steht ihr heute im Mittelpunkt dieses Gottesdienstes, im Mittelpunkt eurer Familie, seid ihr die Hauptperson einer Feier, die vielleicht schon gestern begonnen hat.
Damit sagen ganz viele Menschen:
Du bist mir wichtig, Luise – Justus – Leonard. Oder:
Ich nehme gern an dem teil, was dich bewegt, Lisanne – Fynn – Mia.
Es ist schön, dass es dich gibt, Arthur – Paula – Thekla.
Ich freue mich, dass du da bist, Ezra – Klementine – Max.
Ich möchte dein Leben weiter sehen und begleiten, Greta; und deins auch – Lennard.
Dieser Tag ist ein Höhepunkt. Auf diesen Tag habt ihr euch gefreut.
Und ich wünsche euch, dass er auch in der Erinnerung – nicht nur in der Vorfreude – ein ganz besonderer Tag wird.
Was ich euch aber noch mehr wünsche: Dass ihr an diesem Tag spürt, was euch auch an den vielen anderen Tagen eures Lebens trägt und heute nur besonders sichtbar wird: Die Liebe von Menschen, von Eltern und Paten und Großeltern und Geschwistern. Die Nähe und das Vertrauen von Freundinnen und Freunden und die Gemeinschaft einer Gemeinde, die euch braucht und mag und die euch das auch weiterhin und immer wieder zeigt. Und in allem die Liebe Gottes, der jeder und jedem von euch das Leben gegeben hat und es erhält.
Das Ruderboot. Es gibt eine Konfirmationsurkunde mit diesem Bild. Das Ruderboot als Symbol für die Konfirmation. Befestigung, Bestärkung steckt in diesem Wort Konfirmation. Die erfahrt ihr gerade in eurem Leben. Vor 12 oder 13 Jahren hätte niemand von euren Eltern oder Paten oder Großeltern euch allein in ein solches Boot steigen lassen. Heute könnt ihr schwimmen. Ihr seid auf dem Weg, erwachsen zu werden, einschätzen zu können, wie weit eure Kraft beim Rudern reichen würde, ob ihr einen solchen See überqueren könntet oder nicht. Es gibt immer mehr Bereiche in eurem Leben, in denen ihr stark seid, euch selbst orientiert, in denen ihr in euch ruht. Bestärkung habt ihr erfahren. Wenn sich Eltern um euch Sorgen machen, dann wissen sie doch, dass sie euch viel mehr zutrauen können als vor fünf oder zehn Jahren.
Das kam nicht von allein. Von vielen Menschen habt ihr gelernt, euch zu orientieren. Dazu gehört das nach-vorn-Schauen und das Zurückschauen. Das haben wir auch im Konfirmandenunterricht getan. Wir haben uns mit den Quellen unseres Glaubens beschäftigt, mit der Bibel natürlich, mit den Bildern von Gott, die ihr in euch tragt. Manchmal fandet ihr es langweilig. Und dann wart ihr wieder plötzlich ganz dabei. Wir haben viel über den Glauben und über unser Leben diskutiert. Manchmal wollte ich auch mit euch diskutieren, aber ihr wolltet nicht. Wir haben schöne Rüstzeiten miteinander erlebt. Es sind Freundschaften zwischen euch geblieben oder neu gewachsen.
Für euren Weg ins Leben und für euer Leben in der Gemeinde gilt jetzt: Mehr und mehr kannst du selbst Verantwortung übernehmen, dich selbst entscheiden, dich einmischen. Andere werden dich fordern, dich als erwachsenen Menschen mit deinen Begabungen und Möglichkeiten in Anspruch nehmen. Die Entscheidung für eine Ausbildung oder einen Beruf musst Du selbst treffen. Niemand kann dir das abnehmen. Es gibt Menschen, die dir vertrauen. Ihr Vertrauen willst du nicht enttäuschen.
Es gibt vielleicht auch Menschen, die dich auf falsche Wege mitnehmen wollen; Menschen, die für alles eine einfache Antwort haben. Ihnen musst Du dich widersetzen, wenn du auf dem Weg des Lebens bleiben willst.
Es gibt irgendwann vielleicht den einen Menschen, den du liebst und mit dem du dein ganzes Leben teilen willst, für den du dich entscheiden willst.
Auch in der Gemeinde, ob hier oder anderswo, wirst du gefragt werden: Möchtest du die Patenschaft für mein Kind übernehmen? Kannst du bei einer Konfirmandenrüstzeit als Mitarbeiterin mitkommen? Würdest du im Gemeindekirchenrat mitarbeiten?
Also: Der Platz auf der Ruderbank gehört dir.
Der Platz auf der Ruderbank gehört dir. Eine solche Einladung nimmt jede und jeder anders auf. Die eine mit freudiger Erwartung – ran an die Ruder.
Der andere mit Zurückhaltung – kann ich das?
Erwachsen zu werden ist nicht immer schön. In einem Studentenzimmer habe ich mal ein Bild von einem Säugling gesehen, auf dem mit Edding stand: Never grow up! Werde niemals erwachsen! Manchmal ist es schön, noch nicht so erwachsen zu sein, das Kuscheltier aus Kleinkinderzeiten noch in Reichweite und die Eltern zum Ausheulen in der Nähe zu haben.
Das Ruderboot.
Gebaut worden ist es von einem Menschen, der davon etwas versteht. Ob Holzboot oder Kunststoff. Es ist dafür gebaut, auf dem Wasser zu schwimmen, selbst bei Wellengang nicht unterzugehen. Wer seine Hand an den Boden eines solchen Bootes legt, spürt die gewaltige Kraft des Wassers dahinter. Das Boot trägt mich.
Ein alter Segenswunsch sagt: Gott sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst.
Gott ist wie ein Ruderboot, das mich trägt.
Das Boot ist dafür gebaut, eine Richtung zu halten. Die Ruder sind geeignet, meine Kraft optimal in Bewegung umzusetzen. Aber vor allem: In diesem Boot ist für mehrere Menschen Platz. Und das ist viel wert.
Von Rainer Kunze gibt es ein schönes Gedicht über das Rudern:
Rudern zwei
ein boot,
der eine
kundig der sterne,
der andere
kundig der stürme,
wird der eine
führn durch die sterne,
wird der andre
führn durch die stürme,
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein.
In dem Ruderboot ist Platz für mehrere Menschen., vielleicht auch für mehr als zwei.
Man kann die Plätze wechseln, wechseln zwischen Rudern und Ausruhen.
Manchmal ist es vielleicht auch schön, allein zu rudern, allein über einen ruhigen See.
Aber vor allem: Ganz allein bist du nie. Gott ist mit im Boot.
Stimmt das denn so? Sind wir nicht manchmal doch ganz allein im Boot? Da war vielleicht eine schlimme Krankheit oder ein ganz böses Ereignis in deinem Leben, an das du am liebsten gar nicht denken möchtest. Da ist ein Mensch gestorben, den du sehr gern hattest. Da ist jemand weggegangen, den du sehr gebraucht hast. Da erlebst du, dass anderen um dich herum manches so viel leichter fällt als Dir. Es gibt Streit mit den Eltern und du fühlst Dich ungerecht behandelt. – Und das soll Segen sein?
Wo bist du, Gott?, stöhnst du vielleicht. Und dann zweifelst du daran, dass sie dich wirklich alle so gern haben wie sie heute sagen. Und dann zweifelst du an Gottes Segen. Solche Zweifel sind berechtigt. Auch in Zukunft wird es Schweres in deinem Leben geben. Alles andere wäre gelogen.
Auch darüber haben wir im Konfirmandenunterricht gesprochen. Das ist die größte Herausforderung für unseren Glauben, dass in der Welt und in meinem Leben Dinge geschehen, die nicht geschehen dürften, wenn Gott allmächtig wäre und wenn er ein guter und barmherziger Gott ist. Paulus sagt einmal: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Ich wäre wohl etwas zurückhaltender als Paulus und würde mich höchstens zu dem Satz versteigen: „Wir glauben oder hoffen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“
Vielleicht ist das nur ein Strohhalm, an den ich mich klammern kann, wenn es ganz eng wird. Aber versuch es. Gott hat dich, Charlotte, erwählt, er hat dich , Frieda, bei deinem Namen gerufen. Du, Johann, gehörst zu ihm. Du, Theo, bist ein einmaliger Gedanke Gottes, unverwechselbar, und du, Josef, und du, Fiete, auch. Dich, Elias, gibt es nur ein einziges Mal unter Milliarden von Menschen und Gott kennt dich. Für jede und jeden von euch gilt: Gott ist immer bei dir in deinem Leben. Du kannst Gott mit einem Stoßseufzer erreichen und mit einem Jubelschrei. Du kannst ihn anklagen und ihn loben. Du kannst ihm danken und ihm deine Sorgen anvertrauen. Und nichts davon wird schief bei ihm ankommen. Er nimmt alles von dir an.
Darum, liebe Konfirmierte, widersprecht, wenn euch jemand sagen will, wie man genau beten und glauben soll. Traut eurer eigenen Wahrnehmung und sucht euch Menschen, mit denen ihr über euren Glauben reden könnt.
Und vergesst nicht. Menschen anderen Glaubens, Menschen, die nicht an Gott glauben, haben oft ganz ähnliche Quellen der Kraft. In Prag sind wir auf den Spuren von Vaclav Havel unterwegs gewesen. Von ihm gibt es ein Hoffnungwort, das sich nicht auf Gott bezieht. Er sagt: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“
Wenn wir ernstnehmen, was die Bibel an vielen Stellen sagt und beschreibt, dass der Glaube ein Geschenk ist. Dann verbietet sich jeder Stolz, dann brauchen wir nicht Grenzen, sondern Brücken. Dann kann ich nur dankbar sein, dass Gott mich mit diesem Glauben beschenkt hat und kann mich verbinden mit allen Menschen guten Willens, die mir begegnen. Und darum, lieber Konrad, bin ich ganz gewiss, dass du einen guten Weg gehen wirst und dass wir beieinander bleiben werden.
Euch allen wünschen wir heute den Mut, auf der Ruderbank Platz zu nehmen. Gott ist wie ein Ruderboot, das dich trägt und schützt.
Er wird dich nicht enttäuschen.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
