Erster Sonntag nach Trinitatis – 7. Juni 2026

Klosterkirche zu Cottbus

– es gilt das gesprochene Wort –

 

Predigttext____________________________________________

Predigttext: Apostelgeschichte 4, 32-37

Der Predigttext ist im Verlauf der Predigt abgedruckt.

 

Predigt_______________________________________________

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus.    Gemeinde: Amen.

Jörg und Helene kannten sich seit vielen Jahren. Sie liebten einander und wollten beieinander bleiben. Jörg war der erste in seiner Familie, der ein Abitur erworben hatte und studiert hatte. Helene kam aus einer Unternehmerfamilie, Studium und Bildung für alle Familienmitglieder war seit Generationen eine Selbstverständlichkeit. Über Geld sprach man nicht. Das hatte man. Aber so platt hätte man das nie gesagt. Dazu war man zu gebildet. Man hatte dafür auch zu viel Herzensbildung. Man lebte einfach danach. Jörg und Helene hatten also sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dem, was einem so zum Leben zur Verfügung stand. Ihre Wege zu einem Beruf, in dem sie gern arbeiteten, war sehr verschieden gewesen. Und auch, wenn sie sich ihrer Liebe sehr sicher waren, wollten sie nicht, dass das Geld einmal zwischen ihnen stehen könnte. Darum vereinbarten sie Gütergemeinschaft, als sie heirateten. Jörg brachte 5.000 € ein – und viele Fähigkeiten, die einem im Leben sehr nützlich sein konnten. Er war zum Beispiel ein toller Handwerker. Und Helene brachte 150.000 € und die Aussicht auf ein gutes Erbe mit ein. Und auch sie hatte viele Fähigkeiten, die für eine Partnerschaft oder eine Familie gut sind. So konnte sie sehr kreativ nähen und Geldgeschäfte gingen ihr nebenbei von der Hand. Die Gütergemeinschaft veränderte erst einmal nicht viel. Aber sie gab ihnen die Sicherheit: Was wir besitzen, ist kein Selbstzweck. Wir haben es gemeinsam, um unser Leben zu gestalten, um genug zum Leben zu haben und – wenn es gut geht – andere einladen zu können. Wir können auch abgeben. Und wenn wir das tun, dann tun wir das gemeinsam.

Auch Lukas kennt das Prinzip der Gütergemeinschaft, die als sogenannter urchristlicher Kommunismus bekannt ist. Hören wir den Predigttext aus der Apostelgeschichte im vierten Kapitel.

„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.“

Lukas erzählt deutlich idealtypisch von einer solidarischen Gütergemeinschaft der ersten Christinnen und Christen. Als Prototyp nennt er einen Josef, der Barnabas genannt wurde. Er verkaufte seinen Acker und stellte das erworbene Geld den Aposteln für den Aufbau der Gemeinde zur Verfügung. Er vertraute es ihnen an, damit sie damit verantwortungsbewusst umgehen. So konnte Menschen in Not geholfen werden. Es konnten Gottesdienste gefeiert und vielleicht Gebäude errichtet werden. Die Apostel hatten kein eigenes Vermögen. Sie stellten ihre Arbeitskraft zur Verfügung, hatten selbst einen Beruf, mit dem sie ihr Geld verdienten oder wurden von den Gemeinden als Gäste aufgenommen.

Das Ideal der urchristlichen Gütergemeinschaft hat sich so nicht durchhalten können. Aber dass das junge Christentum eine so starke Ausstrahlung auf viele Menschen hatte – das lag vor allem an der Gemeinschaft, die sie untereinander hatten. An der Solidarität, die sie untereinander lebten und auch an dem, was sie für Menschen taten, denen es nicht gut geht. Wenig später wird in der Apostelgeschichte von Armenspeisungen berichtet.

Was wir heute hören, ist in gewisser Weise auch eine Gegengeschichte oder eine Ergänzung zu Pfingsten. Da ging es um den Geist. Hier und in den folgenden Texten tritt das Leibliche und Ökonomische ins Blickfeld, die Mahlzeit, Güter und Habe.

Mehr als wir vielleicht auf den ersten Blick wahrnehmen, hat sich dieser Ansatz im Leben der Kirche durchgehalten und vor allem hat diese Gütergemeinschaft ausgestrahlt und wird heute an vielen Stellen praktiziert.

Da gibt es Wohngemeinschaften, nicht nur unter jungen Erwachsenen, in denen nicht jeder einen Küchentisch hat, sondern sich alle gemeinsam einen besorgen. Wohnungen stehen denen offen, deren Wohnung zu klein ist. Gäste können bei Freunden wohnen. Kinder haben neben den eigenen Eltern verschiedene ihnen vertraute erwachsene Menschen, bei denen sie gern sind. Ein Erbe wird in ein Wohnprojekt investiert. Einfach so. Ohne Rückgabemöglichkeit, nicht als Kredit, sondern als Geschenk.

Oder es gibt Nachbarn, die den Zaun zwischen ihren Gärten abbauen und beide Gärten gemeinsam nutzen. Kinder haben mehr Raum zum Spielen, gemeinsame Feste lassen sich besser feiern.

Und in der Kirche? Wo ist sie da geblieben, die Gütergemeinschaft?

Ich will ein paar Beispiele aus unserer Gemeinde nennen.

Wir haben einen Samariterfonds, aus dem wir immer Menschen in Not helfen können. Vor vielen Jahren kam ein junger Mann zu uns, der nach seiner Flucht durch welche verwaltungstechnischen Schritte auch immer ohne Einkommen dastand. Mehrfach haben wir ihm aus dem Samariterfonds einen Großeinkauf an Lebensmitteln finanziert. Heute hat er sein Studium abgeschlossen und arbeitet selbst im sozialen Bereich. Es war nur eine kurze Zeit, in der er Hilfe brauchte. Und das Schöne: Er hat sich an eine Kirchengemeinde gewendet.

Ab und zu werde ich gefragt, ob denn im Samariterfonds genug Geld sei. Wenn ich da den Kopf schütteln würde, wäre dieser Zustand Geschichte.

Ein anderes Beispiel: Unsere Gemeinde macht viele Rüstzeiten. Die kosten Geld. Und wer an einer solchen Rüstzeit teilnimmt, muss einen Eigenbeitrag leisten. Der ist bei uns aber immer sehr moderat bemessen – verbunden mit der Bitte, mehr zu geben, wenn man kann und damit diejenigen zu unterstützen, die weniger haben. Das funktioniert sehr gut. Gerade haben wir die Konfirmandenrüstzeit in Prag erlebt. An Teilnehmerbeiträgen kam weit mehr als das Anderthalbfache ein. Und niemand musste aus finanziellen Gründen zu Hause bleiben.

Ich könnte da noch viele Beispiele aufzählen, will nur ein paar Stichworte nennen. Die Westphal-Stiftung an der Klosterkirche hilft vielen Jugendlichen und ihren Familien, weil ein Mensch, Dr. Wolfgang Westphal, einen großen Teil seines Vermögens gestiftet hat.

Die Kirchensteuer ist ein Modell des solidarischen Teilens. Alle Kinder, viele Rentner und Erwerbslose zahlen keine Kirchensteuer und manchem erfolgreichen Menschen treibt es die Tränen in die Augen, wenn er oder sie die Summe sieht, die da in seiner Steuererklärung bei Kirchensteuer steht. Mit dem Beispiel unseres heutigen Predigttextes im Rücken ist das in Ordnung. Es setzt natürlich voraus, dass die Verantwortlichen in einer Gemeinde, einer Kirche, sehr verantwortlich mit dem ihnen anvertrauten Geld umgehen.

Letztes Stichwort: Der Zehnte. Immer wieder bekommt unsere Gemeinde größere Summen, weil es Menschen gibt, die den zehnten Teil ihres Einkommens – und das kann auch eine Erbschaft sein – abgeben.

Ich sagte anfangs, dass Lukas deutlich idealtypisch von dieser solidarischen Gütergemeinschaft erzählt. Und so kann man kurz danach in der Apostelgeschichte lesen, dass ein Ehepaar verheimlichte, einen Teil des Erlöses für sich behalten zu haben. Die Gütergemeinschaft ist ein Ideal. Ein Ideal, das ausgestrahlt hat und noch immer ausstrahlt. Natürlich kennen wir auch alle die Gegenerzählungen. Natürlich ist es bitter, wenn die Gutverdienenden aus der Kirche austreten, die Solidargemeinschaft verlassen und es damit noch schwieriger wird, gemeindliches Leben, Personalstellen, Gebäude zu erhalten. Was tun? Ein Ansatz ist: Frohgemut sein und sich nicht einschüchtern lassen von Zahlen und Strukturen.

Zum Zukunftsstress der evangelischen Kirche sagt Fulbert Steffensky:

„Ich würde zunächst alle Kirchenleute, vor allem Theologinnen und Theologen, Spottlieder lehren über die eigene Weinerlichkeit. Wenn die Lamentation unser Hauptkirchenlied ist, verlieren wir die Lust an uns selbst. Wir verlieren den Stolz, ohne den uns niemand achten kann.

Wir werden kleiner? Na und? Wachsen ist zunächst ein geistlicher Begriff, er bedeutet nicht einfach Größer- und Mehrwerden. Wir müssen in schmerzlicher Heiterkeit einsehen und zugeben, dass wir Kirche im Exil sind. Die Ehre und das Recht Gottes sollen wachsen; das Reich Gottes soll wachsen, und das heißt nicht einfach, dass die Kirche wachsen soll. Es gibt die ekklesiologische Verblendung, in der wir heimlich und unbewusst die real existierende Kirche und Reich Gottes in eins setzen. Es genügt, wenn Rom dies tut, wir müssen es nicht nachmachen.

…. Der Stress entsteht, wo die Kirchen meinen, sie müssten allein für alles stehen: für die Ausbreitung des Glaubens, für Frieden und Gerechtigkeit, für die ganze Zukunft der Welt. Vielleicht steckt dahinter noch die alte Annahme, wir seien die einzigen, die etwas über Gott wissen; die einzigen, die die Rezepte für die Heilung der Welt haben. Die Annahme, wir könnten die Welt und den Glauben retten. Dagegen die befreiende Erkenntnis: Wir sind nicht die einzigen. Es gibt andere, die etwas über Gott zu sagen haben. Es gibt andere jetzt und andere, die nach uns kommen, die etwas davon wissen, wie Frieden und Gerechtigkeit werden können. Ja, Herrliche Freiheit: Wir müssen nicht die einzigen sein. Wir haben Geschwister und müssen nicht Herren und Meister sein.“[1]

Wie schön ist es, dass der Gedanke der Gütergemeinschaft lebendig ist. Er lebt in unserer Gemeinde und in unserer Kirche und bei vielen Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche. Und wo er lebt, da ist das Reich Gottes angebrochen. Da ist es mitten unter uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir zur Sache des Friedens zu denken wagen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

                                                               Gemeinde: Amen.

Fulbert Steffensky, Gott und das Brot der Armen. Junge Kirche 12/2024, zitiert nach Blog zu Welt und Kirche von Paul M. Zulehner: https://zulehner.wordpress.com/2024/06/08/steffensky-fulbert-gott-und-das-brot-der-armen/