Predigttext_______________________________
Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Johannes 9, 1-7
Predigt___________________________________
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Gemeinde: Amen
Freitagabend. Wir sind im Spreewald unterwegs. Eine beeindruckende Wolkenwand vor uns, einen kräftigen Wolkenbruch verheißend. Hinter uns in herrlichen Farben eine wunderschöne Abendsonne. Gelb- und Rottöne in allen Schattierungen. Wir können uns nicht sattsehen und genießen das Schauspiel in vollen Zügen. Wie wunderbar hat Gott die Welt geschaffen. Vergessen sind für einen Moment alle Waldbrände und Starkregenereignisse, alle Kriege und alles menschliche Leid. Die Welt ist einfach wunderbar gemacht und ich darf das alles dankbar in mich aufnehmen.
Situationswechsel und Zeitenwechsel. Jesus verlässt den Tempel in Jerusalem. Im Vorübergehen sieht er einen Blinden. Vor den Toren des Tempels begegnet Jesus dem Elend dieser Welt. Ein von Geburt an blinder Mensch, zum Betteln verdammt, um sein Existenzrecht ringend, stumm. Ausgeschlossen von Bildung und normalem Broterwerb. Wir hören nichts von ihm, so, als gäbe es ihn gar nicht. Fremd ist ihm die Welt, dunkel der Raum. Die ihn begleiten, sehen nur seine unbekannte Schuld. Wer so vegetiert, muss ein zu Recht geschlagener Mensch sein. Auf ihm liegt eine Strafe. Was hat sie ausgelöst? Leid ist die objektive Gestalt der Sünde. So hat man es ihnen beigebracht.
Phantasien kommen auf. Was hat er getan? Und wenn nicht er: Waren es seine Eltern, deren Vergehen sich an ihm ausgewirkt haben? Der Zeitgeist raunt von irgendwelchen Geschichten. Über allem steht das Walten der Götter. Vergeltung macht auch vor dem Gott Israels nicht halt – so meinen sie jedenfalls. Gott lässt sich nicht spotten. Kinder büßen für ihre Eltern.
Wer so auf den Blinden sieht, sieht Gott in seinem Richteramt. Hinter der Frage der Jünger steht ein Tasten nach Erklärung, der Versuch, Gründe zu finden, ein wenig Rationalität in die Zumutungen des Lebens zu bringen. Schütze dich vor dem göttlichen Fluch durch Treue zu den Ordnungen der Väter. Vor allem zeige keine Empathie. Kalt ist ihr Blick, ihr Reden steht in der Gefahr, ein leichtfertiges Spiel mit dem Leid Anderer zu werden.
Doch scharf und prägnant zerbricht Jesus ihr Räsonieren. Er weist dieses verquere Denken von Gott klar und eindeutig zurück. Seine Antwort ist der entscheidende Schlüssel für die Befreiung der Religion aus ihren selbstverschuldeten Fesseln. Die Verbindung von Krankheit und Sünde bricht Jesus auf. Gott offenbart sich nicht durch die Zerstörung einer Person, Gott schickt nicht Krankheit als Strafe. Gott offenbart sich durch die Heilung des Blinden.
An den Heilungsgeschichten der Bibel hat mich immer wieder gestört, dass von der Empathie Jesu, von seiner Zuwendung zu den kranken Menschen nur so wenig zu spüren ist. Oft hat man den Eindruck, es gehe gar nicht um den Menschen, der da geheilt wird, um sein Leid und sein Glück. Ja, dieser konkrete Mensch sei Jesus fast gleichgültig. Es gehe allein darum, dass etwas über Jesus, über seine Vollmacht, seine Bedeutung, seine Gottsohnschaft gesagt wird. Darum möchte ich gern beim Kern dieser Geschichte bleiben. Es ist ja auffällig, dass es viele solcher Geschichten von Jesus gibt. Und bevor sie von einem Evangelisten wie Johannes in das Ganze eines Evangeliums hineinkomponiert wurden, bevor sie Teil der großen Botschaft wurden, waren sie Ereignis. Zuerst einmal mit viel weniger Deutung als in der Form, in der sie uns heute begegnen. Und da fällt auf, wie klar Jesus dem Deutungsversuch der Jünger eine Absage erteilt. Fast empört reagiert er. Was soll denn diese Frage? (Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern?) Dabei trifft die Jünger gar keine Schuld. Sie haben einfach im Rahmen und in den Denkgewohnheiten ihrer Zeit überlegt. Und diesen Rahmen, diese Denkgewohnheiten sprengt Jesus.
Bevor Jesus den blinden Menschen heilt, stellt er klar, dass er damit die Werke Gottes wirkt. Höher angebunden kann die Heilung nicht sein. Die angeborene Blindheit ist keine Strafe Gottes, ganz im Gegenteil, die Heilung vom Blindsein ist eine Tat Gottes durch Jesus.
Vermutlich hat diese Haltung Jesu zu den Menschen am Rand das Christentum viel mehr geprägt als uns heute oft klar ist. Als sich die christliche Gemeinschaft so nach und nach von der jüdischen Mutterreligion als eine eigene Größe abtrennte, war sie für viele Menschen so anziehend, weil die Christinnen und Christen sich Menschen zuwendeten, ihre Not linderten. Reiche und Arme aßen gemeinsam. Es wurden Menschen eingesetzt, deren Aufgabe es war, sich um hilfsbedürftige Menschen zu kümmern, Witwen und Waisen ließen sie nicht allein. Natürlich gab es auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft dafür Regeln. Aber durch Jesus bekam die Sorge für andere Menschen doch einen ganz anderen Stellenwert im gelebten Glauben. Jesus war der Gründer der Diakonie. Das zog die Menschen an. Und das ist übrigens auch heute das, was sehr viele Menschen an unserer Kirche schätzen; selbst dann, wenn die Kirche in ihrem Leben sonst eine nebensächliche Rolle spielt.
Aber zurück zu Jesus und dem Blinden. Jesus heilt den Menschen, indem er aus Erde und Speichel einen Brei anrührt und ihm diesen auf die Augen streicht. Speichel war damals ein allgemein anerkanntes Heilmittel. Da bleibt Jesus ganz im Rahmen des Erwartbaren. Aber vielen Auslegern dieses Textes ist aufgefallen, dass es eine Parallele zur Schöpfungsgeschichte gibt, nach der Gott den Menschen aus Erde, aus Lehm formte. Man kann es also auch so sehen, dass Jesus an dem blinden Menschen die Schöpfung Gottes vollendet und ihn zu einem Sehenden macht.
Zur Heilung gehört die Waschung im Teich Siloah. Dieses Becken wurde von der Gihon-Quelle gespeist und hatte eine herausragende Bedeutung für die Wasserversorgung Jerusalems. Das reine Wasser des Teiches Siloah galt als heilkräftig und war ohnehin schon ein Sinnbild der lebendigen Wasser Gottes. Der Blindgeborene wäscht sich in diesem Teich und er kommt sehend zu Jesus zurück.
Festhalten möchte ich vor allem die Empathie, mit der Jesus dem blind geborenen Menschen begegnet. Und diese Empathie ist auch dann angemessen, wenn es tatsächlich Wurzeln einer Krankheit oder einer Einschränkung im Leben eines Menschen gibt.
Vielleicht ist der einen oder dem anderen von Ihnen ja schon der Gedanke gekommen, dass es ja tatsächlich Krankheiten gibt, die im Leben, im Verhalten der Generationen vor uns liegen. Denken wir nur an das Paket, das die Kinder und Enkel von Geflüchteten mit sich tragen. Oder die Nachfahren von Nazi-Tätern, oder die Kinder von alkohol- oder überhaupt suchtkranken Menschen. Natürlich gibt es da Zusammenhänge. Aber diese Zusammenhänge dürfen mit Jesus argumentiert nie als „Strafe für …“ gedeutet werden. Im Gegenteil: Menschen, die von einer solchen Familiengeschichte geprägt sind, die unter ihrer Kindheit und Jugend leiden wie ihre Eltern schon in ihrer Kindheit und Jugend gelitten haben – solche Menschen brauchen gerade das Einfühlungsvermögen anderer Menschen, ja die Empathie einer ganzen Gesellschaft. Und die Empathie einer Gesellschaft, die Empathie eines Staates drückt sich in Ressourcen aus. Psychotherapeutische Angebote, die bewirken können, dass Teufelskreise aufgebrochen werden und die Last nicht wieder und wieder an die nächste Generation weitergegeben wird, muss eine Gesellschaft genau so zur Verfügung stellen wie die Operation eines gebrochenen Beines oder eine Krebsbehandlung.
Das wunderbare Licht wird uns alle in diesem Sommer und im Herbst begleiten. Ich freue mich auf die Sonne am Meer, auf Sonnenuntergänge und einen strahlenden Sternenhimmel im Norden. Jesus sagt: Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Es gibt da einen Zusammenhang. Licht ist für uns nicht nur lebensnotwendig. Licht ist gut für unsere Seele. Gottes Licht hat verschiedene Dimensionen. Gottes Schöpfung war nicht zu Ende, als er das Licht schuf. Gott ist gegenwärtig in seinem Sohn. Als Licht der Welt ist er nach wie vor unter uns lebendig.
Wenn Erzieherinnen und Erzieher in unseren Kindergärten jedes Kind als einen einmaligen Gedanken Gottes sehen, sich einfühlen in dieses Menschenkind. Wenn Altenpflegerinnen und Altenpfleger den ihnen anvertrauten Menschen nicht nur Pflege angedeihen lassen, sondern ihnen mit Liebe begegnen. Dann ist Gott als Licht unter uns lebendig. Natürlich ist da noch viel Luft nach oben. Konfirmandinnen und Konfirmanden mit einer Lernbehinderung werden wir oft nicht gerecht mit unseren Angeboten. Und so könnten wir viele Defizite in Kirche und Diakonie aufspüren.
Jeder Mensch, der sich einem anderen Menschen in Liebe zuwendet, geht in den Spuren Jesu. Und er oder sie bringt Licht in die Welt. Gott traut uns das zu. Halten wir die Augen offen. Damit wir die Menschen vor den Tempeltoren unserer Zeit nicht übersehen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir zur Sache des Friedens zu denken wagen, der wird unsere Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus.
Gemeinde: Amen.
