Christnacht
- Dezember 2025 – 23.00 Uhr
Klosterkirche zu Cottbus
– es gilt das gesprochene Wort –
Predigttext:
Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr. Sacharja 2, 14
Predigt
Liebe Nacht-Gemeinde hier in der Klosterkirche!
Aus dem Trubel fröhlicher Weihnachtsabende oder aus den vier Wänden, in denen niemand auf mich wartet, sind wir hierher-gekommen. Vielleicht hast du dich noch einmal aufgemacht und andere zu Hause sind schon ins Bett gegangen. Oder du triffst dich hier mit Gleichgesinnten. Wir kommen in die weihnachtlich geschmückte Klosterkirche. Die Schönheit dieser Nacht lebt von den Gegensätzen. Sie ziehen uns magisch an. Die kalte feuchte Nacht draußen und die Wärme der Kerzen hier in der Kirche. Dunkel und Licht, Reichtum und Armut, das Verlassensein und Gefundenwerden, die eigene Einsamkeit und die Liebe der Menschen, die mir nahe sind.
Eine unerhörte Geschichte wird uns da erzählt wie in jedem Jahr und eine ganz gewöhnliche doch auch. Unerhört an dieser Geschichte ist, dass Gott aus seiner großen Herrlichkeit in unsere Welt gekommen ist. „Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.“ Gesagt bei Sacharja, dem Propheten. Und getan in dem Kind in der Krippe, zu dem wir heute alle gekommen sind. Eine unerhörte Geschichte, weil Gott es ist, der zu uns kommt. Eine unerhörte Geschichte, weil er sich selbst klein und wehrlos macht. Ein Gott, den man schlagen und lieben kann, den man verfolgen und beherbergen kann. Einer von uns eben. Gott ein Kind, aus dessen Augen so viel Vertrauen spricht, so viel Hoffnung auf Wärme; das so angewiesen ist. Gott kommt zu uns, wohnt bei uns, wird einer von uns, allen Gefahren ausgesetzt und aller Liebe fähig. Keine von uns kann nun mehr sagen, Gott habe ja keine Ahnung von uns Menschen.
Eine ganz gewöhnliche Geschichte aber auch. Maria bringt ein Kind zur Welt. Im Jahr 2025 wird 436.000 mal ein Kind in Deutschland geboren worden sein, Millionen sind es weltweit. In klimatisierten Kreißsälen, im Gewimmel enger Gassen, in Flüchtlingslagern unter freiem Himmel. Maria ist eine von ihnen. Romantisch wird das für Maria nicht gewesen sein, als Jesus zur Welt kam. „Die Nacht ihrer ersten Geburt war kalt gewesen“, dichtet Bertolt Brecht. Und weiter: „In späteren Jahren vergaß sie gänzlich den Frost in den Kummerbalken und rauchenden Ofen. Und das Würgen der Nachgeburt gegen Morgen zu. Aber vor allem vergaß sie die bittere Scham nicht allein zu sein, die den Armen zu eigen ist.“ Eine ganz gewöhnliche Geschichte also. Eine Frau, die mit Schmerzen ein Kind zur Welt bringt. Die Umstände sind hart und rau. Gott kommt zur Welt. Er wird einer von uns. Und einer von uns wird er eben gerade, weil alles so normal ist.
In dem Kind in der Krippe finden die himmlische Welt und unsere zusammen. Gott kommt in die Welt und der Himmel steht uns wieder offen.
Die Krippe, die Weihnachten in der Mitte steht, zeigt die Augen eines Kindes; der offene, vertrauende, Liebe empfangende Blick dieses Kindes schafft Rettung. Der offene, vertrauende, Liebe empfangende Blick eines jeden Kindes pflanzt Hoffnung in die Welt. Weil ein Kind in unsere Mitte kommt, können wir Hoffnung in dieser Geschichte finden. Das ist Weihnachten: Ich sehe das Wunder, werde Teil davon und ahne ganz genau, was zu tun ist: Man gewährt Menschen eine Chance auf ihr eigenes Leben. Man lässt Menschen nicht verhungern, niemals ertrinken, auch nicht verdursten, das Wunder des Lebens lässt man nicht achtlos am Rande des Weges liegen. Punkt! Weil jede von uns aus diesem Wunder lebt. Weil jeder von uns als Hoffnungsträger zur Welt kommt.
Und dabei ist es ganz egal, wie weit wir dieser Geschichte trauen. Ob wir in ihr Hoffnung finden oder in sie Hoffnung hineinlesen. Ein glaubender Denker, Fulbert Steffensky, sagt: „Hoffnung ist ja nicht die Garantie eines guten Ausgangs. Sondern man hofft auch, indem man tut, als hoffte man. Der Wert der Hoffnung ist, dass man nicht zynisch wird. Hoffnung heißt, sich zu kümmern und zu sorgen. Man lernt Hoffnung auch durch die Schönheit biblischer Geschichten.“ [1]
Gott hat Wohnung bei uns genommen und er blickt uns aus Kinderaugen an. Wenn das nicht eine schöne, eine wunderbare Geschichte ist. Weil jeder von uns immer wieder einem Kind begegnet, von Kinderaugen angesehen wird, können wir uns dem nicht wirklich entziehen.
In Jesus, Marias und Gottes Sohn, kommen unsere Welt und Gottes Welt zusammen, werden eins und die Hoffnung hat einen Nährboden. Sicher, die Garantie des guten Ausgangs gibt es nicht. Wir hätten sie so gern. Aber die gibt es nicht. Und die Welt, wie sie ist, spricht nicht für die Hoffnung. Doch wir können sie einüben. Jedes Mal, wenn wir dem Blick eines Kindes begegnen, schauen wir Gott an und Gott schaut uns an. Und manchmal – Hand aufs Herz – wächst dann die Hoffnung in uns ganz gegen unseren Willen und unsere intellektuelle Überzeugung, unsere Einsichten und Meinungen. Wir werden gehofft, die Hoffnung übt an uns und in uns. Und wir sind wehrlos dagegen wie der wehrlose Gott im Stall in der Krippe. Das ist die Art, wie Gott Menschen überwältigt, sie zu Hoffenden macht.
Gleich werden wir singen: „Ich sehe dich mit Freuden an/ und kann mich nicht satt sehen;/ und weil ich nun nichts weiter kann,/ bleib ich anbetend stehen./ O dass mein Sinn ein Abgrund wär/ und meine Seel ein weites Meer,/ dass ich dich möchte fassen!“
Ich lade sie zu einem Experiment ein: Denken sie bei dieser Strophe nicht an das Kind in der Krippe, an Jesus. Denken sie an ein Kind, dem sie in der letzten Zeit begegnet sind, an alles, was sie in diesen Kinderaugen gefunden haben. Und sie werden merken. Diese Strophe stimmt für alle Kinder. Wir werden sie nicht anbeten, aber sie lassen uns ehrfürchtig werden. Gott hat eben Wohnung bei uns genommen. Ist einer von uns geworden. Und in jedem Kind, das wir mit Freuden ansehen, sehen wir Gott an. Amen.
[1] Fulbert Steffensky, Was die Weihnachtsgeschichte so besonders macht, Westdeutsche Zeitung, 23.12.2018, abgerufen am 21.12.2025
