Zweiter Christtag
- Dezember 2025
Klosterkirche zu Cottbus
– es gilt das gesprochene Wort –
Predigttext: Titus 3, 4-7
Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig – nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben seien nach der Hoffnung auf ewiges Leben.
Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Gemeinde: Amen.
Die mit den unendlichen Augen kommen aus dem Osten.
Genauer gesagt, aus dem Erzgebirge. Wie sich in ihren groben Gesichtern die Menschenfreundlichkeit Gottes spiegelt!
So sehen sie eben aus, die seltenen Menschen, denen das Hören und Sehen noch nicht vergangen ist.
Handgeschnitzte Krippenfiguren, deren Augen einen nicht loslassen wollen, wenn man in ihre Krippenszene schaut.
Zwei aufgescheuchte Hirten, drei weitgereiste Gelehrte,
dazu eine Mutter, die eher ängstlich in die Zukunft ihres neugeborenen Heilandes schaut, und ein Joseph, dessen Blick noch schwankt von der Geburt. Nur der Heiland schläft.
Was macht diese hölzernen Hoffnungsmenschen aus der kleinen Werkstatt im Erzgebirge nur so „eigenartig“?
Ich glaube, es ist weniger ihr Aussehen als ihr Ansehen.
Es öffnet mir die Augen, wenn ich an Marias Lied denke:
„Mein Geist freut sich Gottes, meines Heilands; denn er hat mich angesehen„, singt Maria im Magnificat, dem Jubellied der schwangeren Frau aus einfachen Umständen.[1] Gott hat sie angesehen! Und eine von Gott „Angesehene“ sieht wahrscheinlich verändert aus. So, als wäre ihre Lebensuhr beim Staunen stehengeblieben. Ihre kindliche Sehnsucht nach Veränderung, nach besseren Lebensumständen für alle, ist größer geblieben als die Welt, in die sie hineinwuchs mit diesem Leben.
Auch die Hirten haben schon viel gesehen. Sie kennen die Nacht und das kalte Zwielicht der Wüste. Es wird seinen Grund haben, dass Gott sich so gern aus den Reihen der Hirten Propheten erweckte. Diese Propheten hießen auch „Seher“.
Nicht bloß, weil sie von einem Ende der Welt zum anderen
sehen konnten (vielleicht), sondern weil sie den Menschen tief ins Herz sahen und auf den ersten Blick erkannten, ob einer eher Kain oder Abel war. In ihren Hirtenaugen glüht die Leidenschaft des Herzens, die weder Wüste noch Wölfe scheut
und weder Fremde noch Einsamkeit fürchtet.
Die Kronen der drei königlichen Besucher sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die schlichten Hirtenkappen.
Aus ihren drei Augenpaaren leuchtet die beunruhigende Frage, wo Gott Wohnung nimmt. Diese Drei haben Hunger und Durst nach dem Unendlichen. In ihren königlichen Herzen tragen sie
Weisheit und Sehnsucht der Völker. Suchende, fahrende Menschen sind das, die ihrem Gewissen mehr glauben als aller Sesshaftigkeit.
Die hochschwangere Maria hat im fremden Bethlehem in ihrer Not an viele vornehme Türen geklopft. Ist dankbar, als die Qual vorbei und das Kind auf der Welt ist. Aber an den Gedanken,
dass sie hier am kalten Rand der Welt in diesem gottver-lassenen Obdachlosenwinkel mitten in der Nacht Gott selbst in ihren Menschenarmen hält, muss sie ihr Herz erst langsam gewöhnen. Das Herz, das alle die Worte der nächtlichen Gäste behielt. Ihre großen Augen können sich nicht schließen,
trotz der Müdigkeit, nicht mit so viel Aufregung im Herzen.
Dass der allmächtige Gott Windeln trägt, dass der Schöpfer des Himmels und der Erden frierend und schreiend in einem Stall
die eigene Geburt als Mensch überstehen muss, ohne Licht und Gerät, kinderlaut, in dürftiges Stroh gesteckt – das überfordert
Herz, Verstand und sogar die Verheißung. Die Erzgebirgs-figuren zumindest gucken groß in die Krippe hinein.
Und dass der Heiland, kaum von der Nabelschnur geschnitten,
in den Futtertrog von Ochs und Esel gelegt wird, gibt die biblische Schrift nicht her. Aber dieses Ereignis soll, zweitau-send Jahre später, weiter Herzen und Welt erhellen und die Seele soll sich wärmen an der heilsamen Gnade Gottes.
Seit zweitausend Jahren erinnern sich Christ*innen dieser göttlichen Menschenfreundlichkeit. Und es schauen nicht nur die Holzmännel groß und kehren Jahr für Jahr wieder, auch die Kirchen weltweilt füllen sich verlässlich am Heiligabend.
Die schöne Geschichte von Gottes Geburt in dürftiger Herberge. Sogar die Kritischen kommen, stören, wie im Krippenspiel in der Klosterkirche in diesem Jahr und werden dann doch nachdenklich, gehen auf die Suche nach Bethlehem in ihrem Leben, suchen die Menschenfreundlichkeit.
Und Maria lädt sie alle ein in der kalten Nacht, die Hirten und die Sterngucker und selbst die geldgierige Wirtin.
Darüber hinaus nimmt die Welt aber in diesen Tagen wenig Notiz von Gottes heilsamer Gnade und Freundlichkeit. Alles ist, wie es ist. Die Finsterlinge machen weiter auf Licht – oder versuchen nicht einmal mehr, ihre Finsternis zu verbergen.
Die Wölfe immer noch auf Lamm – und weit und breit gibt es, allen Verheißungen zum Trotz, auch keinen Löwen, der Stroh frisst. Vielleicht, wer weiß, schauen die lieben alten Krippenfiguren aus dem Erzgebirge auch deshalb so groß,
weil sie es nicht zusammenkriegen. Hat Gottes Freundlichkeit die Welt nicht freundlicher gemacht? Herodes steht am Fenster seines Palastes und sieht mit unbewegtem Gesicht dem Kindermord vor seiner Haustür zu, der wenige Tage nach Jesu Geburt geschieht. Augustus überzieht die Welt mit bewaffneten Friedensbringern, Pilatus wäscht sich seine Hände in der gleichen Unschuld wie vor zweitausend Jahren.
Ismael und Jakob kämpfen wie gehabt um den Gazastreifen.
Und Rahel und Hagar weinen und weinen um ihre Kinder.
Und Gott? Er friert sich selber durch – nach Bethlehem.
Eine alte Überlieferung spricht von der wandernden Anwesenheit Gottes. Immer wieder zeigt er sein Gesicht,
immer wieder ist er unterwegs zu den Menschen. Und seine Freundlichkeit findet Antwort. „Fremd war ich, und ihr habt mich angenommen“ [2] wird er sagen können.
Er sitzt bei den Obdachlosen vor dem Edeka oder bei den jungen Migranten am Blechen Carré. Oder er geht zu den Süchtigen an der großen Brücke. Er erwacht hinter den Milchglasscheiben einer Klinik an Schläuchen und Drähten.
Immer bleibt er ein Flüchtling in der Fremde, und immer zeigt er sein Gesicht. Weil er gar nicht anders kann.
In den alten Schriften trägt er freundliche Namen, die viel Raum und Zeit gesammelt haben. Er heißt Gott-Held, Ewig-Vater oder Friede-Fürst. Die Worte sind fremd, aber an ihnen wärmt sich das Herz der Welt bis heute. Und die Frage verstummt nicht, wo und zu wem er heute kommt.
Manchmal suche ich mir eine Antwort im erzählten Glauben.
In dem, was uns wichtig geworden ist in der Geschichte – neben der biblischen Überlieferung. Und – ich suche die Menschenfreundlichkeit nach Vorfahren ab.
Als Jugendlicher blätterte ich gern in Bildbänden oder Post-kartensets mit Bildern großer Fotografen. Das tue ich heute noch gern. An eine Fotoausstellung in Prag erinnere ich mich,
in der ich lange vor großformatigen Bildern verbracht habe.
Ich las die Gesichter und konnte mich nicht sattsehen. In jedem stand etwas in Gottes Handschrift. Porträts von Menschen aus anderen Erdteilen, aus längst vergangenen Zeiten. Familien und ihre Ähnlichkeiten. Menschen, die viel schwere Arbeit gesehen hatten und ihre müden, dennoch glühenden Augen, oder Not nach den großen Kriegen hier in Europa, die in den Augen stand.
Und auch die großen Freundlichen, die über die Museen verteilt sind, scheinen Gott zu spiegeln. Die glühenden Augen des Apostel Paulus, von Rembrandt gemalt; der wache Verstand des Erasmus, von Dürer gezeichnet; der kluge Melanchthon, versunken und ängstlich, von Cranach. Zinzendorf, Tersteegen und Bach. Oder die Späteren, dann auch schon auf Fotos:
Albert Schweitzer, mitten im Urwald am Klavier, mit seinem Kätzchen. Das ergreifende Gesicht Bodelschwinghs. Die lebens-hungrigen Augen der Sophie Scholl. Dietrich Bonhoeffer als junger Student. Martin Luther King und seine Frau Coretta.
Der nach innen gekehrte Blick Dag Hammarskjölds. Der Dichterpräsident Václav Havel mit seinen klugen, von Lachfältchen gerahmten Augen.
Gottes freundliche Freunde, denke ich, haben lesbare Gesichter.Die Freundlichkeit Gottes ist in uns geboren worden.
Und wird es noch. Sie färbt eure Gesichter, Weihnachts-menschen.
Die hölzernen Hoffnungsmenschen aus der kleinen Werkstatt im Erzgebirge beugen sich über das Kind. Sie haben die Menschenfreundlichkeit Gottes zuerst zur Welt kommen sehen
und kriegen die Münder Jahrzehnt um Jahrzehnt gar nicht mehr zu. Und mit ihren großen Augen schauen sie uns hinterher, uns, die wir uns jetzt auf den Weg machen, wieder ein wenig neu werden dabei, wieder ein bisschen anfangen zu leuchten, weil die Freundlichkeit Gottes auf die Welt gekommen ist, in uns allen. Sie schauen uns hinterher mit großen Augen – da bin ich ziemlich sicher. Gut, dass sie noch ein wenig bleiben in den Weihnachtszimmern und uns erinnern,
was Weihnachten alles kann.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir zur Sache des Friedens zu denken wagen, der wird unsere Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus. Gemeinde: Amen.
Diese Predigt verdanke ich zu großen Teilen Matthias Storck und Marie-Luise Gürtler.
[1] Lk 1,46-48
[2] Mt 25, 35
